Begegnungen in Vietnam II

Am ersten Tag zogen Aurel und ich los, um Hanoi zu erkunden. Ich war schnell erschlagen von dem dichten und scheinbar chaotischen Straßenverkehr, in dem es keine Regeln zu geben schien und wenn, dann wurden sie eher als Richtlinien oder Empfehlungen interpretiert denn als Gesetze.
Unser Weg führte uns zur Cau Long Bien Brücke, die über den Roten Fluss und Bananenplantagen führte. Von der Brücke aus sahen wir zwei leere Felder, auf denen Bauern ihrer Arbeit nachkamen. „Das wäre doch cool, wenn wir da runtergingen und die Landwirte um ein Bild bitten würden“ – „Ja, das wäre auf jeden Fall super. Aber dann müssten wir da erst eine Treppe runter finden, den Weg durch die Plantage suchen und das alles ohne gescheites Schuhwerk.“ – „Hast Recht, ist Mist… Aber geil wäre es…“ – „Ach komm, wir machen es einfach!“.  Weiterlesen

Begegnungen in Vietnam I

„Was war der größte Kulturschock, den du in Vietnam erlebt hast?“ – „Die Menschen“.

Für ein (wenn auch mittlerweile ein wenig erwachsenes) Großstadtkind, noch dazu schüchtern, ist es im ersten Moment nicht einfach in einem vietnamesischen Dorf. Nicht einfach – stark untertrieben, die Gegensätze könnten größer kaum sein. Großstadt, Anonymität, Untergehen in der Menge, kaum Kommunikation. Da habe ich mich dran gewöhnt. Ach ja, und an die miese-Laune-Gesichtsausdrücke. Und in Vietnam? Da winkt jemand auf der anderen Straßenseite! Und lacht dich an! Spricht dich an! Freut sich dich zu sehen und kommt zu dir! „Kennen wir uns?“ Noch nicht, möchte das Lächeln sagen, spielt das eine Rolle? Spielt es nicht, das wurde mir von Begegnung zu Begegnung mehr und mehr klar. Es ist faszinierend zu sehen, wie man durch seine bloße Anwesenheit und der Bereitschaft, dem Gegenüber ein paar Minuten seiner Zeit zu schenken, ihr oder ihm eine Freude bereiten kann und sie oder ihn ein Stück glücklicher macht. Und dieses Glücksgefühl zurückbekommt. Braucht es wirklich so wenig? Ja.

Ich verbinde mit jedem Portrait, das ich in Vietnam gemacht habe, eine kleine Geschichte. Ein paar dieser Geschichten möchte ich gerne in den nächsten Tagen und Wochen hier mit euch teilen. Den Beginn machen heute einem Portrait aus Hanoi.
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Portraitshooting in Vietnam

Glaubt es mir oder nicht, aber die folgenden Bilder entstanden nicht in einem Shooting. Und ich hatte auch kein Model engagiert. Wir saßen grad verstreut auf dem Boot, welches uns durch die Halong Bay fuhr. Einige Teilnehmer fotografierten an Deck, andere dösten unter Deck, wiederum anderen hingen ihren Gedanken nach, so wie ich. An der seitlichen Tür des Schiffes stand unser Fahrer, der uns auf unserer mehrtägigen Rundreise chauffierte, und hing wohl ebenfalls seinen Gedanken nach („Alpha-Phase“ 😉 ). Was soll ich sagen?! Den Typen kann man vermutlich nachts um halb zwei wecken und in Hanoi auf die Straße stellen und er strahlt trotzdem eine Fotogenität aus (wenn es das Wort noch nicht gäbe, hätte er es vermutlich erfunden), dass jeder Fotograf das Sabbern anfängt. So auch in dieser Situation auf dem Boot, nur war ich der Einzige, der sabberte, der Rest war abgelenkt. Und so brach ich mit meinen Prinzipien und zögerte nicht lang, näherte mich ihm und fotografierte. Er tat unbeeindruckt, kannte diese Prozedur wahrscheinlich schon aus den letzten Tagen von meinen Mitreisenden, und blieb weiter fotogen und lässig. Und ich freute mich wie Bolle… Weiterlesen

Haukes Abenteuer Vietnam – Vortreffen

„Der vor uns befindliche Streckenabschnitt ist noch durch einen Zug belegt… Weichenstörung in Lüneburg… prognostiziert 15 Minuten Verspätung“. 

Dieser Zug hält mich also 15 Minuten länger in sich gefangen. Es ist mir aber in diesem Moment egal, denn gedanklich bin ich noch bei Steffen, Aurel, den Anderen und den letzten zwei Tagen im Heidestudio beim Vorbereitungstreffen auf das für mich bis dato wohl größte Abenteuer, mein Abenteuer Vietnam. Zwei Wochen werde ich eine andere Kultur kennenlernen, auf Menschen treffen, die einen anderen Lebensstandard und ein anderes Lebensverständnis haben und mit Leuten reisen, die die Fotografie ebenso lieben wie ich. Dabei werden wir nicht nur Bilder zu einem individuellen Thema sammeln sondern auch an uns, unserer Denkstruktur, unseren Zielen, unseren Mindsets, kurz unserer Persönlichkeit arbeiten. Was sich nicht nach All-inclusive-Wellnessurlaub anhört, ist es auch nicht. 

Doch vor diesem großen Abenteuer steht erst einmal die Vorbereitung. Was darf man, was darf man nicht, wo sind die Fettnäpfchen, wie sieht der Tagesablauf aus, wo schlafen wir und das wichtigste: mit wem reise ich eigentlich? Speziell die letzte Frage ist keine unwichtige, werden wir doch in Vietnam mehr als einmal unsere Komfotzone verlassen, werden Tränen weinen, fallen, aufgefangen werden und auffangen. Vertrauend auf Steffens Menschenkenntnis beim Zusammenstellen der Gruppen war ich ungesehen davon überzeugt, dass die Menschen, auf die ich Freitagabend im Heidestudio treffen würde und die mich zwei Wochen in Vietnam begleiten sollten, in der Nähe meiner Wellenlänge angesiedelt sind. Meine Erwartung wurde nicht enttäuscht. Wir lachten viel, verstanden uns blendend, hatten unheimlich viel Spaß, blödelten rum und führten spannende Gespräche. Kannten wir uns wirklich erst seit wenigen Stunden?!

Nun sitze ich im Zug zurück nach Heidelberg. Aus den 15 Minuten sind mittlerweile 45 Minuten geworden. Es ist mir immer noch egal. Die Gedanken schwirren in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit umher. Die Vorfreude auf die Zeit und meine Reisegruppe wechselt sich ab mit dem Respekt vor der fotografischen Aufgabe, die mich erwartet, und was es mit mir machen wird. „Eine Art Wendekreis für Leute schaffen, um sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind“, das ist das Ziel, das Steffen mit dieser Workshopreise verfolgt. Und ich merke schon nach zwei Tagen und noch in den heimischen Breitengraden, dass mein Lenkrad schon freier ist als noch am Freitag und die Räder langsam einschlagen. Wie viel Grad es wohl werden und welcher Ballast auf meiner Ladefläche während des Wendemanövers wohl runterfällt und auf der Strecke bleibt?! 

Erkenntnis des Wochenendes: Lachyoga – ich habe mich noch nie so blöd gefühlt und es war mir noch nie so egal.