Masterclass beim Stilpiraten oder auch ich-lasse-mir-kräftig-den-Kopf-waschen

Etwas mehr als vier Jahre ist es nun her, dass ich mit der Fotografie begoann. Anfangs auf mich allein gestellt, fand ich bald im Internet Blogs diverser Fotografen, die dort von ihrer Arbeit berichteten, Bilder zeigten und Tipps und Tricks verrieten. Der Erste, der mir über den Weg lief, war der Stilpirat Steffen Böttcher. Steffen ist Blogger und leidenschaftlicher Hochzeits- und  Peoplefotograf aus Buchholz in der Nordheide. Bei ihm hängengeblieben bin ich damals eigentlich nur, weil er aus Norddeutschland – fast Hamburg – kam. Seine Neugierde und Leidenschaft für die Fotografie haben mich dann aber nicht mehr losgelassen und so kaufte ich seine Bücher, las seine Blogartikel und bestaunte seine Hochzeitsbilder. Anfang September 2014 meldete ich mich bei Steffen für die Masterclass an. Zwei Tage Input zum Thema Portraitfotografie im wunderschönen Heidestudio, ich freute mich :-). Das Wochenende kam immer näher und die Vorfreude steigt und stieg. Gleichzeitig aber auch eine kleine Verunsicherung. Was erwartet mich? Mit welchen Erkenntnissen werde ich wieder nach Hause reisen? Ist die Fotografie danach für mich gestorben, weil ich einsehen werde, dass meine Fotografie nichts wert ist? Ist das alles eine Nummer zu groß für mich?

Samstagmorgen um neun Uhr kam ich mit dem Zug aus Hamburg am Bahnhof Buchholz an, von dem ich von Christina, Steffens liebe Ehefrau und Verantwortliche für das leibliche Wohl, abgeholt werden sollte. Tatsächlich war es dann aber Steffen, der am Bahnsteig auf mich wartete, um mich zum Heidestudio zu fahren. Was mir in dem Moment sofort auffiel: Er strahlt eine unheimliche Ruhe und eine Zufriedenheit aus, wie ich es bisher nur bei wenigen Menschen gesehen habe. Auf der Autofahrt hielten wir noch kurz bei ihm zu Hause, um etwas abzuholen und er zeigte mir kurz sein gemütliches Heim. Auch hier war ich wieder überrascht, dieses Mal von seiner Offenheit.

masterclass_01Endlich am Heidestudio angekommen, warteten bereits vier weitere TeilnehmerInnen (Delesa, Hans Peter, Jana und Julia), Christina und ein leckeres Frühstück auf uns. Wo wir gerade beim Essen sind: Christina sorgte die ganze Zeit dafür, dass wir nicht an Hunger leiden mussten. Es gab reichhaltige Mahlzeiten sowie Selbstgebackenes zur Kaffeezeit. Und das alles vegetarisch! Ich als überzeugter Fleischfresser konnte es mir anfangs nicht vorstellen, aber ich habe in den zwei Tage nichts vermisst und war nie hungrig, eher das Gegenteil war der Fall. Großes kulinarisches Tennis! Aber zurück zum Workshop: Wir stellten uns, während wir noch das leckere Frühstück genossen, in der Runde vor, erzählten ein wenig von uns und berichteten, wo unsere fotografischen Schwerpunkte lagen. Im Anschluss erzählte Steffen ein wenig von sich und seinem Werdegang. Wie schon vorher verheimlichte er dabei nichts, sondern erzählte offen, wie er zur Fotografie kam, was er ursprünglich gelernt hatte und wie er letztendlich nach Buchholz kam. Im Anschluss gab es ein paar organisatorischen Informationen zum Ablauf und  Steffen verteilte Smash-Notizbüchern. Für die, die diese Art Notizbücher nicht kennen (so wie ich): In diesen Büchern ist jede Seite individuell mit einem Muster oder Layout designt. Was einen erst einmal daran hindert, etwas auf die Seite schreiben zu wollen, soll die eigene Kreativität und Erinnerung unterstützen. Im Folgenden zogen wir um in das Wohnzimmer / Lesezimmer / Fotostudio des Heidestudios. Steffen kramte aus seiner gefühlt endlos großen Sammlung an Bildbänden einige heraus und erzählte uns von den Anfängen der Portraitfotografie, als Fotografien und Fotografen noch exotisch waren und man sich deswegen keine Gedanken um Bildsprache etc. machen musste (gab ja keine Konkurrenz). Wir schauten uns Bilder von August Sander, Annie Leibowitz, Yousuf Karsh und vielen weiteren wichtigen Fotografen an, erörterten deren Bildsprache und erkannten, wie wichtig oder unwichtig fotografische Regeln sind. Ich gebe zu, gefesselt hat mich dieser Teil eigentlich nicht. Ich war noch nie ein Fan von Bildbänden. Es heißt immer, man kann sich dort Inspiration holen, hat bei mir aber noch nie geklappt (bis heute…). Als Steffen allerdings Bildelemente von einigen Fotografen in seinen Bildern aufzeigte und ich diese Elemente aus meinen Bildern mehrfach wiedererkannte, traf mich gefühlt der Schlag und ich verstand auf einmal, dass Steffen bereits in der Vergangenheit bei vielen Bildern für mich eine Inspiration war. Oder um es kurz zu sagen: Jetzt weiß ich, wo ich meine Bildideen her habe. Noch leicht verwirrt durch diese Erkenntnis widmete ich mich dem nächsten Abschnitts des Workshops. Lena war gekommen und sollte uns im nächsten Schritt als Modell bereitstehen. Steffen zog zwei Gardinen zu, so dass das Licht nur noch durch einen Spalt kam, machte mit diesem Setting ein paar Portraitaufnahmen von Lena und erklärte anhand dieses Shootings die Wichtigkeit von Modellführung und Kommunikation. Im Anschluss sollten bzw. durften wir Lena fotografieren.
masterclass_02 masterclass_03Für das zweite Setting wurden zwei Dauerlichter aufgebaut und wir wechselten vom Fenster zur Couch. Steffen ging nun darauf ein, wie er die beiden Lampen benutzt, um einen bestimmten Look zu generieren. Er motivierte uns dabei, zum schwarzweiß-Modus der Camera zu fotografieren, um Helligkeiten auf dem Bild besser einschätzen zu können.
masterclass_04 masterclass_05Nach dieser Übung und einem leckeren Abendessen folgte die Bildbesprechung. Wir sollten zehn Bilder aus unserem Portfolio ausgedruckt mitbringen, die Steffen dann analysierte und kritisierte. Wichtig war ihm dabei ein einheitlicher Stil und eine passende und aussagekräftige Bildsprache. Seine Kritik trug er dabei nicht durch die Blume vor, sondern direkt und ehrlich auf den Punkt. Für mich war das sehr hilfreich, weil ich einige Bilder habe, von denen ich nicht wusste, was ich von ihnen halten soll. Durch die Bildanalyse wurden mir einige Aspekte aufgezeigt, die mir so bisher nicht bewusst waren. Unter’m Strich bin ich sogar besser weggekommen, als ich es erwartet hätte :-). Mit der Bildkritik endete der erste Workshoptag. Steffen ging nach Hause und wir Teilnehmer saßen noch ein wenig bei Bier, Wein und Bildbänden zusammen, fachsimpelten und diskutierten, bis es spät wurde.

Der nächste Tag startete für mich mit einem Spaziergang. Da ich weiß, dass die Nordheide nicht der hässlichste Ort auf der Welt ist und ich ein wenig das Gelernte vom Vortag verdauen und reflektieren wollte, stellte ich den Wecker eine Stunde früher und ging ein wenig durch den Wald. Eine gute Entscheidung, ich genoss die Stille im Wald und konnte mich bestens auf den zweiten Tag vorbereiten. Dieser begann wieder mit einem leckeren Frühstück. Das große Thema des zweiten Tages war die Kommunikation. Steffen ging ein auf visuelle Kommunikation, Verhalten und Sprache. Er machte unmissverständlich klar, dass Fotografieren ohne Kommunikation nur ein herzloses Abbilden ist und man durch seine Kommunikation ein Portraitbild zu SEINEM Portraitbild macht. Diesen Teil fand ich unheimlich spannend, weil ich diese Erfahrung bereits durch meine Shootings gemacht hatte. Um zu verdeutlichen, wie wichtig Kommunikation zum Beispiel bei Businessshootings ist, baute Steffen ein Lichtsetting auf. Als Modell diente dieses Mal Bertan, der Ehemann von Lena. Zuerst war ich fast ein wenig enttäuscht, da das aufgebaute Lichtsetting sehr simpel erschien. Die Einfachheit unterstrich aber letztendlich, wie unwichtig spektakuläre Lichtsetzungen sind und wie viel wichtiger Kommunikation an dieser Stelle ist. Um dies zu üben, sollten wir in Zweierteams ein Shooting mit einem Vorgespräch vorbereiten und anschließend durchführen. In großer Rund wurden dann die Ergebnisse präsentiert und wir bekamen von Steffen ein Feedback zu unserer Vorgehensweise. Danach, und als letzten Programmpunkt des Tages, bekamen wir in einem Einzelgespräch von Steffen reflektiert, wie er uns und unser fotografisches Können im Bereich der Portraitfotografie einschätzt. Damit endete die Masterclass und da ich erst am nächsten Tag die Heimreise antrat, hatte ich den Abend noch Zeit, das ein oder andere Bildband anzuschauen. Aber ich muss zugeben, das Feedback hatte mich zu sehr aufgewühlt, als dass ich wirklich etwas aus den Büchern aufnehmen konnte.

Am nächsten Morgen gab es noch ein letztes Mal ein leckeres Frühstück von Christina, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Im Gepäck viele Erkenntnisse, Sicherheit, Euphorie und Motivation, aber auch Verwirrung, offene Fragen und Unsicherheit. Ich werde wohl einige Tage brauchen, um das Gelernte zu verarbeiten. Was ich aber weiß, ist, dass es eine sehr gute Entscheidung war, an dieser Masterclass teilzunehmen, und ich danke Steffen für den unheimlich vielen Input, den er die zwei Tage über uns gegeben hat. Ich habe mich im Heidestudio unglaublich wohl gefühlt, was sowohl an dem Studio, an Christina, an Steffen, aber auch an den anderen WorkshopteilnehmerInnen lag.

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8 Responses to Masterclass beim Stilpiraten oder auch ich-lasse-mir-kräftig-den-Kopf-waschen

  1. Hey,
    ganz toll geschrieben. Danke für den sehr bemerkenswerten und tiefen Einblick. Das macht sehr neugierig auf die Masterclass bei Steffen Böttcher!
    Beste Grüße,
    Carsten

    • Hauke says:

      Hallo Carsten. Danke für das Feedback. Das Neugierigmachen war auch Teilzweck des Artikels ;-). Wenn man im Bereich Portraitfotografie unterwegs ist (was bei dir ja zutrifft), ist dieser Workshop absolut sein Geld wert.

  2. HerrSchance says:

    Hallo Hauke.

    Ich schließe mich Carsten an: Vielen Dank für diesen tollen Einblick in Steffens Masterclass! Ich bin jetzt ein wenig in das „Gardinenlicht“ verliebt 🙂

    • Hauke says:

      Bitte schön, gerne geschrieben :-). Ja, Gardinenlicht ist klasse. Es weckt in mir die Motivation, in Zukunft mehr Indoor-/ Homeshootings zu machen.

  3. Julia says:

    Hey Hauke,

    Du hast es auf den Punkt gebracht!
    Als Teilnehmer kann ich Deine Sicht genau bestätigen, mir ging es ähnlich. Tolle Bilder von Lena!
    lg Julia

  4. Sehr gut und interessant geschrieben, lieber Hauke. Da freue ich mich doch schon noch eins mehr auf den 1.2. wenn wir uns sehen…dann darfste gern noch etwas mehr aus dem Nähkästlein plaudern. 😉 Bin gespannt ob Deine Aufgewühltheit sich dann schon etwas gelegt hat und Du es in positive Energien umwandeln konntest.
    LG Kerstin

    • Hauke says:

      Hey Kerstin. Ich werde ausführlich berichten. Aber ich kann dir schon soviel sagen: Die Verwirrung ist schon in positive (Schaffens-) Energie umgewandelt :-). Ich freu mich auf euch.

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